"Um auf deine Frage zurückzukommen, Bendix. Mein Vater ist hier und für dich ist er natürlich auch zu sprechen!" sagte Alicia, "Komm, ich führe dich zu ihm!". Wenig später saß Bendix dem ehemaligen Meisterdieb und jetzigen Kneipenbesitzer gegenüber, eine Ehre, die er wohl zu schätzen wusste, da der alte Malice beileibe nicht für jedermann zu jeder Zeit zu sprechen war. Malice stammte aus Bourbon, wo er Dank seiner geschickten Finger und seiner raffinierten Tricks als Taschendieb und Fassadenkletterer ein Vermögen gemacht hatte. Eines Tages war er aber doch erwischt worden, als er die prall gefüllte Börse eines reichen Adeligen entwendete, während dieser von einer jungen, nicht minder prallen Dirne - Malices´ Komplizin natürlich - abgelenkt wurde. Zunächst hatte es schlecht ausgesehen für den Meisterdieb, sehr schlecht sogar. Doch zur allgemeinen Überraschung wurde die vorgesehene langjährige Kerkerhaft in letzter Sekunde auf Intervention des Bürgermeisters der Stadt in eine einfache Ausweisung umgewandelt. Man munkelte, die Umwandlung der Strafe sei nur auf Bitten der Frau des Bürgermeisters geschehen, der es gelungen war, ihren Mann milder zu stimmen. Sechs Monate später hatte sie einen Sohn geboren, dessen Antlitz die kühnen Züge trug, die auch in Malices´ Gesicht zu erkennen waren....
Diese Geschichte lag allerdings schon viele Jahre zurück und der besagte Malice saß in diesem Moment bei einem Glas teuren, bourbonischen Wein in seinem Arbeitszimmer und lehnte sich in seinen Sessel zurück. Ihm gegenüber hockte der junge Bendix, der sich neben der eleganten Erscheinung des ergrauten Meisterdiebes recht schäbig vorkam.
"Bendix, mein Junge. Was führt dich heute zu mir? Du nimmst ein Glas Wein, oder?" Bendix zögerte nicht, den Wein anzunehmen. Zum Einen war es ein Gebot purer Höflichkeit, zum Anderen wusste er, dass Malice nur die allerbesten Weine in sein privates Sortiment aufnahm. Nach einiger oberflächlicher Konversation kam Bendix zur Sache. "Es geht um folgendes, Malice. Wie du sicher weißt, habe ich kürzlich mein eigenes Kontor eröffnet." Malice nickte bestätigend und bedeutete dem jungen Händler, weiterzusprechen. "Nun, ich habe kürzlich eine exklusive Lieferung aus Albion erhalten, die ich demnächst anzubieten gedenke. Dir, lieber Malice, würde ich allerdings schon vorab ein Kontingent zum Vorzugspreis gewähren!" Nach diesem großzügigen Angebot lehnte sich Bendix entspannt zurück, um die Reaktion seines Gegenüber abzuwarten.
Malice wirkte völlig unbeeindruckt, als er - nach einem weiteren Schluck Wein - seinen eleganten Bart zusammenzwirbelte und Bendix dann mit durchdringendem Blick fixierte. "Eine Vorzugsbehandlung für mich, so, so.... Um welche Ladung handelt es sich denn? Du meinst sicher nicht dein albionisches Ale, oder?" Bendix erbleichte, denn genau dieses Ale hatte er still und leise an den Mann bringen wollen. "Zudem verfügst du noch nicht, das berichten mir meine Leute, über die notwendige Konzession der Brauereigilde. Ich darf also gar kein Ale bei dir kaufen, mein Junge."
Malice schien das kleine Geplänkel sichtlich zu genießen, während Bendix mühsam versuchte, seine Sorgen zu verbergen. Er hatte tatsächlich noch keine Konzession und es war keineswegs sicher, ob er jemals eine erhalten würde. Er war Albioner und verfügte daher in Nevongard nicht über volle Bürgerrechte. Vielleicht war es voreilig gewesen, sich auf seinen recht guten Ruf und seine Kontakte zu verlassen? Äußerlich gelassen fuhr er fort: "Nun, werter Malice. Ich dachte tatsächlich an mein Ale. Es ist weitaus besser als sein Ruf! Ich würde dir mit Freuden einige Fässer zum Preis von, sagen wir, je sechs Gulden überlassen. Das ist ein überaus faires Angebot!" "Natürlich, natürlich", nickte Malice, "aber meine Kunden hier trinken so gut wie kein albionisches Ale. Sie sind leider besseres gewöhnt, wenn du verstehst... Mehr als zwei Gulden sieben Taler je Fass könnte ich dir nicht geben, beim besten Willen nicht!" "Aber Malice, ich bitte Dich! Ich habe Zollkosten, Transportkosten, Lagerkosten! Fünf Gulden je Fass, weniger geht nicht, wirklich nicht!"
Malice schüttelte lächelnd den Zeigefinger. "Zufällig weiß ich, das du keine Zollkosten hattest. Außerdem taugt dieses Ale einfach nichts. Mein Angebot ist ein reiner Freundschaftspreis! Überleg es dir nochmal und komm nächste Woche wieder vorbei!" Bendix verabschiedete sich innerlich kochend, äußerlich freundlich lächelnd und lief zurück zum Tisch seiner Freunde, die sich gerade prächtig zu amüsieren schienen. Er hatte sich für einen talentierten Händler gehalten, aber Malice hatte ihn abgebürstet wie einen Frischling. Vielleicht sollte er bei dem Bourbonen eine Lehre als Hehler beginnen? Doch dann besann er sich auf seine Fähigkeiten und Talente und schwor sich, alles zu versuchen, um ein erfolgreicher Händler zu werden.
Malice saß in seinem Arbeitszimmer und spähte durch ein kleines Fenster, das ihm Einblick in den Schankraum gewährte, der ein halbes Stockwerk tiefer lag. Dort ging Bendix mit schleppenden, müden Schritten zu dem Tisch zurück, an dem sich Alicia mit dem mächtigen Trollmagier Baldowan und dem gerissenen, nichtsnutzigen Strauchdieb Rainald unterhielt. Malices Augen wurden schmal. Für seine Tochter wünschte er sich etwas ... nun, besseres, als Rainald. Sicher, er mochte den Jungen, aber keinesfalls als Schwiegersohn! Nun, bis jetzt schien Alicia alle seine Versuche eiskalt abblitzen zu lassen... Andererseits hatte Rainald ihm unwissentlich geholfen, als er Alicia prahlerisch erzählt hatte, wie er das Ale für Bendix am Zoll vorbei geschmuggelt hatte...
Informationen waren sehr wichtig, besonders für einen ehemaligen Meisterdieb. Früher am Tage hatte ihm ein anderer Informant berichtet, dass Bendix eine Ladung Ale erhalten hatte und das dieses Ale von sehr schlechter Qualität war. Malice rieb sich genüßlich die Hände. Er hatte dieses kleine Geplänkel mit Bendix wirklich genossen, obwohl er leichte Gewissensbisse verspürte. Eigentlich hätte er dem jungen Händler die schlechte Ware auch abkaufen können, schließlich verfügte er als Informationshändler über nicht unbeträchtliche Einkünfte. Malice nahm noch einen kleinen Schluck Wein und lehnte sich bequem zurück. Es interessierte ihn sehr, wie Bendix mit seinen Problemen fertig werden würde. Er hielt den jungen Händler für sehr talentiert und würde ihn - möglicherweise - in seiner eigenen Organisation gebrauchen können. Doch zunächst musste der junge Mann sein Talent auch unter Beweis stellen... Um sich abzulenken winkte Malice einer seiner jungen Mägde und bedeutete ihr, ihn in seine Gemächer zu begleiten, eine Bitte, der sie mit strahlendem Lächeln nachkam.
Nicht von ungefähr galt Nevongard ebenso wie das gesamte Gomdland als einer der bürokratischsten und formellsten Teile des Nordreiches. Bendix stammte aus Albion, wo man es mit den Vorschriften und Gesetzten nicht ganz so genau nahm und auch ein kleines Bestechungsgeld gern akzeptierte. Ein Sprichwort aus seiner Heimat lautete: "Ein Heller für den König, ein Taler für die Kirche und der Gulden für mich". An diese durchaus zutreffende Weisheit erinnerte sich Bendix nur zu gut, als er anderen Tags durch die Gassen Nevongards spazierte. Hier brauchte man offenbar tatsächlich Genehmigungen und Konzessionen für alle möglichen Geschäfte. Früh am Morgen hatte Bendix damit begonnen, bei verschiedenen Wirten vorzusprechen, um sein zweifelhaftes Ale erfolgreich an den Mann zu bringen. Doch jeder halbwegs respektable Wirt weigerte sich, die Ladung zu kaufen, weil Bendix die nötige Konzession der Brauereigilde nicht besaß. Die Wirte der schäbigeren Kneipen waren zwar durchaus bereit, eine fehlende Konzession zu übersehen, boten dafür aber auch Preise, die noch unterhalb von Bendix´ Kosten lagen. Inzwischen musste er feststellen, dass Malice doch kein so schlechtes Angebot gemacht hatte, aber als ambitionierter Händler würde er niemals, wirklich niemals, seine wertvolle Ware unterhalb des Einkaufspreises verkaufen, oder etwa doch?
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