Orbis Incognita
Orbis Incognita - Das Rollenspiel
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Die Jagd nach dem Schattenmantel II

Die Ambitionen eines Kaufmanns

von Lennart Hintz

1. Kapitel: Das Geschäft des Händlers

Zwei Fuhrleute manövrierten ihren schwer beladenen Wagen, der von einem stämmigen Kaltblüter gezogen wurde, vorsichtig vom Gildenmarkt in eine der angrenzenden, kleineren Straßen. In der schmalen Gasse mussten die Arbeiter sich sehr in acht nehmen, damit keines der großen Fässer an den dicht beieinander stehenden Wänden Schaden nahm. Schließlich haftete der Fuhrmeister für die Ladung, bis der Empfänger den ordnungsgemäßen Erhalt quittiert hatte. So stand es in der altehrwürdigen Ordnung der Nevongarder Fuhrleute, die im Gildenhaus im Zentrum der Stadt verwahrt wurde.
Ludwig, der alte Fuhrmann, war jedoch erfahren genug, seine beiden Kaltblüter sicher zwischen den eng beieinander stehenden Häusern hindurch zu lotsen. Er kratzte sich mit dem Ende der Peitsche unter dem faltigen, stoppeligen Kinn und schob sich dann ein üppig bemessenes Stück Kautabak zwischen die gelblichen Zähne. "He, Bursche! Pass auf, wo du hinläufst!" Sein neuer Lehrjunge, der jüngste Sohn seines Bruders, war erst vor wenigen Tagen in die große Stadt Nevongard gekommen, um das alte Handwerk des Fuhrmannes zu erlernen und, so die Götter wollten, das Geschäft des kinderlosen Ludwig dereinst fortzuführen. Aufgeregt hatte der 14jährige Nils das lebhafte, städtische Treiben beobachtet und dabei das Naheliegendste, nämlich einige frische, dampfende Pferdeäpfel, übersehen. Jetzt versuchte der Lehrjunge, dessen Aufgabe in erster Linie darin bestand, vor dem Fuhrwerk einherzulaufen und die Passanten zu warnen, seine Holzschuhe am Rinnstein zu reinigen.

Ludwig schüttelte den Kopf. Der Junge würde noch einiges zu lernen haben, um sich in der großen Stadt zurechtzufinden. Kein Wunder, hatte er doch bislang nur die Kühe und Schafe seines Vaters hüten müssen. "Junge, mach hin! Zeit ist Geld!", rief Ludwig seinem Neffen laut, aber nicht unfreundlich zu. "Dort vorne muss es sein", fügte er mit ausgestrecktem Zeigefinger hinzu.
An der Kreuzung zweier kleiner Gassen hatte ein neuer Händler die Tore seines Kontors geöffnet. Ein mittelgroßer, blonder Mann, der etwa 30 Sommer gesehen haben mochte, stand auf einer wackeligen Leiter und befestigte ein hölzernes Schild neben dem Eingang.

"Ho! Ho!", bremste Ludwig seine Pferde, während sein Lehrjunge noch immer mit den Exkrementen an seinen Füßen beschäftigt war. "Seid ihr Meister Bendix?" Der blonde Mann, vertieft in seine Arbeit, blickte überrascht auf und verlor dabei fast sein Gleichgewicht. "Jawohl, der bin ich. Und ihr bringt meine Lieferung?" "So ist es" bestätigte der Fuhrmann mit rauher Stimme und spie einen Priem braunen Kautabak in die Gosse, der dort klatschend im Staub niederging. "Wo soll ich abladen, Meister?" Der blonde Händler wies auf die schmale Toreinfahrt, die einige Meter weiter zu sehen war. "Mein ... Angestellter ... wird eurem Lehrjungen beim Abladen helfen, Fuhrmann. Kommt nur herein, damit ich Euch bezahlen kann."
"Seht her, Fuhrmann. Was haltet ihr von dem Schild?", erkundigte sich Bendix, der Händler voller unverhohlenem Stolz. "Habe gerade heute eröffnet." "Sehr hübsch", antwortete Ludwig diplomatisch, ohne zu erwähnen, dass er nie Lesen gelernt hatte. Wäre er der Reichsschrift mächtig gewesen, hätte er der Inschrift auf dem Schild entnehmen können, dass hier der albionische Händler Bendix Ale, Wein und Gewürze zu veräußern beabsichtigte.

Die beiden gingen die Frachtliste durch und traten dann in den kleinen, schäbigen Hof, wo Ludwigs Lehrjunge gemeinsam mit einem in graue Spinnenseide gekleideten, fluchenden Kerl damit beschäftigt war, die Fässer vom Wagen in Bendix´ kleines Kontor zu laden. Merkwürdig, Spinnenseide passte überhaupt nicht zu einem Tagelöhner, der Weinfässer entladen musste, doch die Flüche, die der Kerl zwischen zusammengepressten Zähnen hervorstieß, waren absolut authentisch, soviel konnte Ludwig als erfahrener Fuhrmann problemlos feststellen.
Wenig später verließ er gemeinsam mit seinem Neffen das kleine Kontor und beschloß, seinen Neffen Niels zu einer kleinen Brotzeit auf dem Gildenmarkt einzuladen. Sicher, man musste den Jungen hart anpacken, um einen Mann aus ihm zu machen, aber zunächst sollte sich der Bengel etwas eingewöhnen. Als wenig später Sandenhaffer Bier und grobes Brot mit Landkäse vor ihnen standen, entspannte sich der Junge sichtlich und lehnte sich zurück. "Ah, dieses Bier schmeckt gut! Nicht so wie das vom Händler." Ludwig fuhr zusammen. "Hast du das Bier etwa probiert, Junge?" "Der komische Kerl, der immer geflucht hat, hat ein Fass geöffnet und mir einen Becher abgegeben. Widerlich, das Zeug."
Ludwig beugte sich entrüstet über dem Tisch und verpasste seinem Neffen eine schallende Ohrfeige mit seiner schaufelähnlichen Pranke. "Merke dir eins: Wir sind Spediteure und wir transportieren nur. Nimm niemals etwas von einem Händler an, bevor die Übergabe quittiert ist. Sonst schieben dir die Pfeffersäcke die Schuld für irgendwelche Fehler in die Schuhe. Verstanden?" Der Junge nickte stumm und rieb sich verstohlen die Wange. Himmel! Sein Onkel hätte auch Preisboxer werden können. Insgeheim gab Ludwig dem Jungen allerdings Recht, er hatte sich auch schon gefragt, was der komische Händler mit zehn Fässern albionischem Ale anfangen wollte. Schließlich gab es doch an jeder Ecke wohlschmeckendes, nicht zu teures Sandenhaffer Bier. Er schüttelte den Kopf und nahm einen tiefen Zug aus seinem Krug und beschloß, sich nicht den Kopf eines albionischen Schnösels zu zerbrechen.

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