Rainald blickte stolz in die Runde. „Tja, sieht so aus, als ob ihr alle Eure Wetten verloren hättet... Er trinkt wirklich schnell, oder?“ Mit diesen Worten strich er die Silberstücke auf dem Tisch ein und bedeutete Baldowan und Sirion, mit nach draußen zu kommen. Sich umdrehend verabschiedete er sich von den zwielichtigen Gestalten am Tisch, schnippte gönnerhaft einige Taler auf den Tisch und sagte: „Hier, trinkt noch eine Runde... Der jungen Frau schenkte er noch ein anzügliches Lächeln und folgte dann Sirion und Baldowan nach draußen.
In der vergleichsweise frischen Luft der Hafengasse schüttelte Sirion den Kopf. „Ihr seid unmöglich! Ich brauche aber trotzdem ein paar Informationen!“
„Schön“, antwortete Baldowan, „gehen wir noch einen Trinken, ich kenne da noch ein oder zwei gute Tavernen...“ Davon hielt Sirion wenig und überredete die Beiden, ihn in ein etwas besseres Gasthaus zu begleiten. Dort berichtete ihm Rainald dann etwas stockend und undeutlich über den Ratsherren Hubertus von Grünband und seine Familie.
Von Grünband hatte in Nevongard eine erfolgreiche Karriere gemacht, zunächst als Stadtschreiber gearbeitet, dann das städtische Archiv geleitet und schließlich die Verantwortung für Hafen und Zoll übernommen. Bis dahin keine Aufsehen erregende Laufbahn, bis er vor sieben Jahren überraschend in das Amt eines Ratsherren gewählt worden war. Genaueres wußte Rainald nicht zu berichten, allerdings meinte er, gerüchteweise von Wahlbetrug und Bestechung gehört zu haben. Seit dieser Zeit hatte sich von Grünband als Verfechter von Sittsamkeit und Disziplin präsentiert, allerdings nicht ohne seinen Einfluß zum Vorteil seiner eigenen Unternehmungen zu nutzen. Als Sirion auf Milena von Grünband zu sprechen kam, versteckte Rainald sein Gesicht errötend hinter einem großen Bierkrug. Über sie wußte er allerdings nichts, da sie erst zur Heirat vor acht Monaten in die Stadt gekommen war.
Hilfreich waren diese Informationen für Sirion, allerdings war nichts davon in irgendeiner Weise außergewöhnlich. Ein redlicher Ratsherr war seltener anzutreffen als Schneefall im Sommer, und Bestechung und Wahlbetrug gehörten schon fast zum Tagesgeschäft. Er fragte sich allerdings, wie man nach schon acht Monaten beginnen konnte, die hübsche Milena zu betrügen. Müde und mißgelaunt schaute er sich in dieser Kneipe um, deren Namen er ebenso schnell wieder vergessen hatte, wie Baldowan einen Bierkrug lehren konnte. Dieser Schankraum war zwar wesentlich angenehmer als der in der „Letzten Instanz“, bot ihm aber dennoch keinen Anreiz, länger als unbedingt notwendig hier zu verweilen. Er verabschiedete sich von seinen Freunden, prophezeite ihnen in Gedanken gigantische Kopfschmerzen und machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer im Hotel „Abendstern“ am Gildenmarkt. 3. Kapitel: Auf der Jagd
Der nächste Morgen begrüßte Nevongard mit strahlendem Sonnenschein, der durch den hohen Fensterbogen des Hotelzimmers auch Sirion weckte. Der zähe Jäger streckte sich genießerisch aus und genoß den Luxus des gemütlichen Bettes im exquisiten „Abendstern“. Ein gutes Einkommen hatte durchaus seine Vorteile. Nach einem leckeren Frühstück – der „Abendstern“ gehörte schließlich zu den besten Häusern am Platz – machte sich Sirion auf den Weg, um einige weitere Nachvorschungen anzustellen. Bis zu dem möglichen Stelldichein des Hubertus von Grünband blieb ihm noch reichlich Zeit, seinem Auftrag nachzukommen.
Einige mitleidige Gedanken an Baldowan und Rainald verschwendend, spazierte Sirion über den Gildenmarkt und betrachtete das geschmackvolle Haus der von Grünbergs. Der Ratsherr bewohnte ein vierstöckiges Fachwerkhaus, das reichlich Platz für Familie und Bedienstete bot. So weit, so gut. Sirion ließ sich in einem nahegelegenen Café nieder und beobachtete das Haus unauffällig. Obwohl er Schnüffelarbeit zutiefst verabscheute, kannte er die meisten miesen Tricks aus diesem Gewerbe. Gegen Mittag verließen einige der Diener das Haus, vermutlich, um einige Besorgungen und Einkäufe zu erledigen. Sirion taxierte die Bediensteten und wählte einen aus, der ihm wenig vertrauenswürdig erschien. Er folgte einem grauhaarigen Diener mittleren Alters, dessen Nase die typischen blauen Adern des gewohnheitsmäßigen Säufers aufwies. Gut möglich, dass er sich irrte, aber mit ein wenig Mühe würde er mit Hilfe dieses Bediensteten einige interessante Informationen über von Grünberg ausgraben können.
Der Grauhaarige ging zielstrebig in das angrenzende Viertel, ohne sich groß um seine Umgebung zu kümmern. Sirion folgte ihm und hoffte auf einen Glückstreffer. Rainald hatte ihm erzählt, dass viele Diener in Nevongard ihr Einkommen heimlich aufbesserten, indem sie ihre Herren ein wenig betrogen. Vor ihm bog seine Zielperson in eine kleinere Gasse ab und betrat dort die Geschäftsräume eines Weinhändlers. Sirion gab vor, die in der Auslage präsentierten soldalischen Weine zu begutachten, versuchte aber, durch die Scheibe zu erkennen, was in den Räumen vor sich ging. Soeben schob die Händlerin eine Weinkiste über den Tresen und präsentierte dem Diener die Rechnung. Sirions scharfen Augen entging nur selten etwas, und so konnte er erkennen, dass auf dem Zettel die Summe von insgesamt 30 Gulden ausgewiesen war. Ohne Weinkenner zu sein, wußte der kleine Jäger, dass von Grünberg offensichtlich recht teuren Wein kaufen ließ. Unauffällig schob er sich zur Seite, so dass er gerade eben noch in den Laden spähen konnte.
Keine Sekunde zu spät, da die Händlerin sich mißtrauisch umschaute, um dann von dem Diener den Rechnungsbetrag entgegenzunehmen. Die genaue Summe konnte Sirion nicht feststellen, doch war der Haufen an silbernen Talern entschieden zu klein, um insgesamt 30 Gulden zu ergeben. Sirion zog sich in einen Hauseingang zurück und rieb sich die Hände. Sicher, die Ermittlerarbeit war ihm zuwider, aber so ein kleiner Erfolg bot doch eine gewisse Befriedigung.
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